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Gießen, Mathematik und Kanaldeckel mit Werbung

Das kleine Gießen scheint ruhig und provinziell zu sein. In der Stadt sind keine prunkvollen Schlossanlagen oder Straßen mit Fachwerkhäusern zu finden. Dafür gibt es hier das wunderbare Mathematikum, wo man durch Spiele und anschauliche Experimente schwierige mathematische und physikalische Gesetze erklärt bekommt. Im ältesten Botanischen Garten Deutschlands erfreut sich das Auge an Blumen und Bäumen aus aller Welt. Auf den Straßen der Stadt sind ungewöhnliche Denkmäler mit Alltagsszenen und Kanaldeckel besonders bemerkenswert, jeder von denen fast ein Meisterwerk der Werbungskunst ist.

Gießen wurde Mitte des 12. Jahrhunderts gegründet. Im Jahr 1152 erbaute Graf Wilhelm von Gleiberg die Wasserburg Gießen, die nur ein paar Kilometer von der Residenz Gleiberg entfernt war, und verlegte seinen Sitz dorthin. Wie es damals üblich war, entstand um das Schloss herum eine Siedlung. Schon Mitte des 13. Jahrhunderts wurde sie zur Stadt erhoben. Im Laufe der Zeit wurde sie zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt. Im 17. Jahrhundert wurde hier eine Universität gegründet. Wilhelm Röntgen lehrte hier und hatte den Lehrstuhl für Physik. Er ist auf dem Alten Hof in Gießen begraben. An der Universität hielt Chemiker Justus Liebig seine Vorlesungen, der eine Reihe von wichtigen Entdeckungen auf dem Gebiet der organischen Chemie machte.

Ohne sich durch Meisterwerke der Architektur auszuzeichnen, ist Gießen durch seine ungewöhnlichen Sehenswürdigkeiten anziehend. So befindet sich hier zum Beispiel der Botanische Garten Gießen, der 2009 sein 400-jähriges Bestehen feierte. Das ist der älteste der in Deutschland erhaltenen botanischen Gärten, der schon im 17. Jahrhundert an der Universität Gießen angelegt wurde! Ursprünglich stellte der Botanische Garten einen Heilpflanzengarten dar. Bis zum 19. Jahrhundert beherbergte er weitgehend Heilkräuter. Aber heute enthält er rund 8000 Pflanzenarten von allen Kontinenten. Das interessanteste Museum in Gießen ist das interaktive Mathematikum, das der Königin der Wissenschaften gewidmet ist. Das ist ein ausgezeichneter Ort, wo Erwachsene und Kinder auf spielerische Weise Gesetze der Mathematik, Physik, Geometrie mit Vergnügen erfahren. Allerlei Puzzles, Spiegel, Magnete, Rechner – die ganze interaktive Umgebung trägt dazu bei, dass man sein logisches Denken entwickelt. Das städtische Oberhessisches Museum ist im Leib’schen Haus, dem Wallenfels’schen Haus und im Alten Schloss untergebracht. Im Alten Schloss findet man Ausstellungen zur Handwerksgeschichte, die anderen Abteilungen beherbergen die Sammlung für Archäologie und zeigen Ausstellungen zur Stadtgeschichte. Leider ist die Badenburg, eine aus dem 14, Jahrhundert stammende Ritterburg, schlecht erhalten geblieben. Sie wurde im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Trotzdem gehen Touristen durch seine Ruine gern spazieren. 

In Gießen sollte man unbedingt die Gießener Spezialität probieren – den sogenannten „Handkäs mit Musik“. Dieser gereifte Käse, der die Farbe des Stockfisches hat, wird in eine Marinade aus Apfelessig, Öl, Zwiebeln sowie mit Kümmel und Pfeffer angerichtet. All diese Zutaten machen seinen spezifischen Duft bzw. seine „Musik“ aus. Der Käse wird auf einem mit Butter bestrichenem Stück Bauernbrot serviert. Dazu wird „Stöffche“, der Gießener Apfelwein, getrunken. Außerdem werden in der Stadt schon seit über 100 Jahren mehrere Biersorten hergestellt und unter dem Namen „Gießener“ verkauft. 

Im Winter, vor der Großen Fastenzeit, feiern die Gießener so wie in vielen anderen deutschen Städten den Fasching. Die Feier, die als fünfte Jahreszeit bezeichnet wird, beginnt in der Weiberfastnacht und dauert bis zum Rosenmontag. Der Höhepunkt des Karnevals ist ein Karnevalsumzug, dessen Teilnehmer sich als Prinzessinnen, Clowns, Hexen und andere böse Geister verkleiden und durch die Stadt mit Musikbegleitung ziehen. Sie singen, tanzen, werfen Konfetti in die Menge und spendieren ihr eine Lage Bier. Die Feier ist selbstverständlich dem Karneval in Rio de Janeiro oder in Venedig an Größe unterlegen, aber jedenfalls ist sie einen Besuch in Gießen wert.  

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